Kräuteranbau & Laborantenwesen

Von "A" wie Angelika bis "Z" wie Zaunrübe

Die Angelikapflanze (Angeilica archangelica), auch Engelwurz, Heiligengeist- oder Brustwurzel genannt, ist ein zweijähriges Doldengewächs. Ursprünglich aus Nordeuropa stammend, hat es sich bis nach Mitteleuropa und Asien ausgebreitet. In Bockau baute man die Pflanze nahezu vierhundert Jahre auf Feldern an. Ihr verdankt Bockau den liebevollen Beinamen "Wurzelbucke".
In alten Zeiten wie dem 16. Jahrhundert mussten sich die ärmeren Landbewohner selbst helfen, wenn sie Medizin brauchten. Zahlreiche Kräuterbücher in deutscher Sprache sowie das Wirken bekannter Persönlichkeiten wie Paracelsus (1493-1541) und Agricola (1494-1555) oder der Kurfürstin Anna (1532-1585) gaben Anlass, verstärkt Kräuter zu sammeln und anzubauen.

Zu den in und um Bockau angebauten Pflanzen des 16. und 17. Jahrhunderts gehörten:
- Liebstöckel (levisticum officinale)
- Knoblauch (allium sativum)
- Angelika (angelica syvestris)
- Aronstab (arum maculatum)
- Eberwurz (carolina acaulix)
- Zaunrübe (bryonia alba)
- Anis (pimpinella anisum)
- Baldrian (valeriana)

Seit Mitte des 16. Jahrhunderts bauten die Bockauer Angelika an, was schwere körperliche Arbeit und viel Zeit erforderte. Über die Jahrhunderte hinweg veränderten sich die Anbaumethoden nur unwesentlich. Auslese und Zucht bei günstigen geologischen und klimatischen Verhältnissen brachten eine Art hervor, die der Wildform an Größe und Gehalt an ätherischen Ölen überlegen ist.
Noch heute wird die zweijährige Angelika kultiviert. Die Samen werden im August von kräftigen Pflanzen gewonnen und noch im Herbst in den Boden gebracht, um im Frühjahr als Jungpflanzen auf die Felder zu kommen. Im Abstand von zwei Schritten sticht der Bauer mit dem "Stiesel" Pflanzlöcher und setzt die Jungpflanzen hinein. Die weitere Pflege erfordert viel Sorgfalt, denn Feuchtigkeit und Dünger wie Hornmehl oder -späne sind wichtig.

Im Spätherbst können die Wurzeln gerodet werden, wobei ein flacher Pflug den Boden lockert. Danach lassen sie sich mit einer dreizinkigen Grabegabel herausheben. Die Wurzeln, auf dem Feld nur grob gereinigt und in Holzkörbe geschlichtet, müssen nunmehr gründlich gewaschen werden. Früher schüttete man sie in den Dorfbach oder in Wiesenbäche. Heute dienen Bottiche oder andere große Gefäße dazu. Auf speziellen Stangen und Gestellen trocknen die Wurzeln allmählich in der Scheune, einst sogar in den Wohnstuben. Die zahlreichen Ausläufer des Wurzelstockes werden mit denen einer zweiten zu einem Zopf geflochten und dann trocken gelagert. Nur wenige Bockauer beherrschen noch diese Flechtkunst.
Die getrocknete Angelikawurzel stellte eine gute Einnahmequelle für die Bauern und Händler dar. 

E.H. Lorenz Schnupftabak u Likör
Ernst Heinrich Lorenz beim Abfüllen der Flaschen

Bis 1989 ging die Angelikawurzel in verschiedene europäische Länder und nach Übersee.Zu LPG-Zeiten erfolgte der Export staatlicherseits, sodass die einzelnen Bauern weder die Exportländer noch die Finanzfragen kannten. Welche Schwierigkeiten dabei auftraten, zeigt eine Begebenheit der Familie Engelhardt. Sie hatte ihren Wurzeln Adresszettel beigelegt, aber die Zollkontrolle fand sie und die Familienmitglieder mussten peinliche Verhöre über sich ergehen lassen, da es sich um verbotene "Kontaktaufnahme mit dem nichtsozialistischen Ausland" handelte.

Die Anbau- und Erntemethoden änderten sich über die Jahrhunderte hinweg nur geringfügig durch einige spezielle Gerätschaften und Maschinen. Wirtschaftliche Zwänge brachten letztendlich den Angelika-Anbau zum Erliegen. Geblieben ist von Bockaus einst blühendem Wirtschaftszweig nur noch der Anbau von Angelika und die berühmte Likörfabrikation (Angelika, Magenbitter, Kräuterlikör, Stockdumm = Dr. Stoughtons Magenbitter). Die Bockauer hoffen, dass ihre alte Angelika-Tradition auch unter schwierigen marktwirtschaftlichen Verhältnissen wieder bestehen kann. 

Flaschenetiketten aus Bockau

Ein gutes Tröpfchen braucht natürlich auch eine ansprechende Verpackung. Diese Sammlung von Bockauer Flaschen-Etiketten zeigt wie viel Mühe man sich auch schon in früherer Zeit gemacht hat um sein Produkt anzupreisen.